Alfons Schweiggert zum Tod des „Bürgerschrecks“ Herbert Achternbusch

„Dieses Land [gemeint ist Bayern] hat mich kaputt gemacht, und ich bleibe so lange, bis man ihm das ansieht.“ Der Mann, der diese Drohung ausstieß, wurde am 23. November 1938 als Herbert Schild in München geboren und entwickelte sich zu dem wohl umstrittensten bayerischen „Kreuz- und Querdenker“. Louise Schild, seine Mutter, Sportlehrerin beim TSV 1860, München, zog den Buben die ersten Jahre alleine auf ohne den Vater, den Münchner Zahnarzt Adolf Achternbusch. Herbert, zu dessen Vorfahren Holländer, Schweden und Zigeuner zählen, verbrachte seine Kindheit und Jugend bei seiner Großmutter in Breitenbach im Bayerischen Wald. In der benachbarten Gemeinde Mietraching ging er zur Volksschule. Die Gymnasialjahre in Deggendorf waren für ihn „eine Eiszeit“. 1959 flog er von der Schule, weil eine Mitschülerin ein Kind  – die Tochter Eva –  von ihm bekam. Er wechselte auf das Gymnasium in Cham. Nach dem Abitur 1960 wurde er von seinem Vater adoptiert und nahm dessen Namen an. Zunehmend zog ihn die Malerei in ihren Bann.

Zu seinen ersten eigenständigen Arbeiten zählte der Zyklus „Winterstruppe“ mit sechs Zeichnungen und sechs Gedichten, der unveröffentlicht blieb. Im Wintersemester 1960/61 immatrikulierte er sich an der Pädagogischen Hochschule München-Pasing. Im folgenden Semester wechselte er auf die Kunstakademie in Nürnberg und studierte  Malerei und später Bildhauerei an der Akademie der Bildenden Künste in München. Nach Heirat mit Gerda Oberpaul – aus dieser Verbindung gingen vier Kinder hervor – zog Achternbusch  nach München-Ramersdorf. Er verdiente jetzt als Gelegenheitsarbeiter, unter anderem als Zigarettenverkäufer auf dem Münchner Oktoberfest, den Lebensunterhalt für seine Familie.

Erste Veröffentlichungen waren eine Broschur mit sechs Radierungen, die 1964 in der Eremiten-Presse erschien und der 1965 in der Münchner Maistraßenpresse publizierte Gedichtband „Südtyroler“. 1968 wandte sich der 30jährige von der Malerei ab – erst 16 Jahre später sollte er diese Tätigkeit wieder aufnehmen – und befasste sich nunmehr mit dem Schreiben. Martin Walser empfahl den „wilden Waldschrat“ aus Niederbayern dem Suhrkamp-Verlag.1969 trat der 31jährige erstmals als Prosaschriftsteller mit dem schmalen Bändchen „Hülle“ an die Öffentlichkeit. Die darin enthaltenen drei Erzählungen „Zigarettenverkäufer“, „Hülle“ und „Rita“ sprengten bereits formal die literarische Konvention.

Von Anfang an blieb Achternbusch literarisch, politisch und weltanschaulich ein Einzelgänger, der bald als „fideler Platzhirsch und Skurrildenker der Region“ verschrien war. Forsch stellte er die Interpretierbarkeit von Kunst in Frage und rang Literaturwissenschaftlern unverfroren Fehlurteile ab. Er erzog sich die Sprache zum Bösewicht und schrieb tolldreist, was er nicht wusste nach dem Motto: „Ich denke, also spinn ich.“ Er publizierte vehement und zwanghaft eruptiv Buch um Buch, wurde als „lyrisches Genie“ gelobt und als „genialer Selbstdarsteller“, von seinen Gegnern aber als Dilettant und Pfuscher beschimpft, dessen Arbeiten sich vor allem durch stetes Misslingen auszeichneten. Und in der Tat, so Jörg Drews, „seine Texte riskieren radikaler das Misslingen und belassen das Misslungene doch im publizierten Buch: als authentisches Misslingen, als ein Stück Wahrheit.“ Und so schuf er Bücher, in denen er nach dem Urteil von Klaus Konjetzky „mit einer oft wunderbar falschen Syntax die Welt aus den Angeln hebt, dem wir also Sätze verdanken, die besser sind als die Welt, Sätze, in denen ein ernstes Lachen voll trauriger Freude ist.“

1970 lassen sich erste Ansätze für sein später vorrangiges Interesse am Film entdecken. Gemeinsam mit seiner Frau Gerda drehte er den Super-8-Film „Das Kind“. 1971 zog er mit seiner Familie in die Nähe von München nach Gauting und 1975 in die Nachbargemeinde Buchendorf. 1971 erschien sein Roman „Die Alexanderschlacht“, ein Epos, in dem sich der Autor nach eigenem Bekenntnis „in der Sprach darennt, dass er iberhaupt nimma zum Tema kimmt“ und in dem es ihm nahezu gelingt, keinen Unterschied mehr zwischen dem Geschriebenen und sich als der schreibenden Person zu machen. Dieser Unroman ist ein Materialsteinbruch, „ein in alle Richtungen auseinanderstiebendes Schrotgemenge von vollkommen realistischen und doch flackernd-imaginären Textwucherungen, Erzählknäueln und Satzknollen“, so Hans-Horst Henschen. Diese Erzählung, das Zentrum seines Werks, bildete mit weiteren Arbeiten auch die Grundlage für seine vorrangige Leidenschaft, das Filmemachen.

Nachdem er eigenen Angaben zufolge 1973 geplant hatte, sich nach Regelung seines Nachlasses in den Ätna zu stürzen, übernahm er stattdessen in Volker Schlöndorffs Film „Übernachtung in Tirol“ die Rolle eines Dorfschullehrers, der sich zu Tode trinkt. Dieser Film motivierte ihn zu seinem ersten eigenen Streifen „Das Andechser Gefühl“ (1974). Für Werner Herzog, in dessen Film „Jeder für sich und Gott gegen alle“ er die Rolle eines Bauernburschen übernahm, schrieb er 1976 das Drehbuch „Herz aus Glas“ und widmete sich nunmehr verstärkt eigenen Filmprojekten. In jährlichen Abständen produzierte er Filme wie „Die Atlantikschwimmer“ (1975), „Bierkampf“ (1976), „Servus Bayern“ (1977), „Der junge Mönch“ (1978), „Der Komantsche“ (1979), „Der Neger Erwin“ (1980), „Das letzte Loch“ (1981), „Der Depp“ (1982), „Heilt Hitler!“ (1983) und „Hades“ (1994).

Der Film „Das Gespenst“ (1982) brachte dem Regisseur Blasphemie-Vorwürfe und einen Prozess ein und zementierte seinen Ruf als Bürgerschreck. Weil dieser Film angeblich „das religiöse Empfinden großer Teile der Bevölkerung verletzte“ – im Film steigt Achternbusch als Jesus vom Kruzifix – wurde ihm vom Bundesinnenministerium die Auszahlung der letzten Förderrate für den Film „Das letzte Loch“ verweigert. Erst 1988 wurde ihm gerichtlich die noch ausstehende Summe von 75.000 Mark zuerkannt. Es gab aber auch Leute, sogar Priester, die dem „Gespenst“ bescheinigten, „wie ehrlich und menschlich der Achternbusch-Herrgott all das anspricht, was längst und auch unter Frommen getuschelt und missverstanden wurde. … Dieser Herrgott lässt sich nicht mehr zu allen möglichen unchristlichen Zwecken missbrauchen: nicht für falsche Moral und Gesetzeshärte, nicht für Eigentumsvergötzung und Polizeigewalt, nicht für Atomraketen und kalten Krieg, nicht für menschenverachtende Ungerechtigkeit und Ausländerbenachteiligung, nicht für Politikerhochmut und Feindbildproduktion, nicht für Kirchenprivilegien …“

In allen 26 Filmen lagen Buch und Regie in seinen Händen. Außerdem spielte er in jedem Streifen auch die Hauptrolle. Als ihm keine Fördergelder mehr zugestanden wurden, drehte er seine Filme statt auf 35 mm-Material als Super-8-Filme, die er dann auf Kinoformat „aufblies“. Den Film „Neue Freiheit Keine Jobs Schönes München Stillstand (1998) drehte er in nur neun Tagen. „Ich mache Film um Film, damit Schönheit entsteht“, so Achternbusch, „heimatliche Schönheit, bayerische Schönheit …“ Nach den Filmen „Hades“ (1994) und „Picasso in München“ (1997) trat in Achterbuschs Filmschaffen eine Pause ein. „Wer am Ende aller Tage etwas über diese Stadt [München und auch über Bayern] erfahren will“, notierte Michael Althen, „wird um seine Filme nicht herumkommen.“

Einen Teil des 1973 erschienenen Romans „Der Tag wird kommen“ (1973) arbeitete Achternbusch zu seinem ersten Bühnenstück um, das auf Anregung von Claus Peymann 1978 unter dem Titel „Ella“ in Stuttgart uraufgeführt wurde und ihm den dritten Tätigkeitsbereich eröffnete, das Theater. 1982 zog der Autor nach Ambach am Starnberger See. Für das 1984 uraufgeführte Theaterstück „Gust“ erhielt er 1986 den Mülheimer Dramatikerpreis. Nahezu 20 Theaterstücke stammen aus seiner Feder, darunter„Der Frosch“ (1981), „Mein Herbert“ (1982), „Sintflut“ (1983), „Weg“ (1985), „Linz“ (1987) und „Auf verlorenem Posten“ (1990). Und immer wieder veröffentlichte er auch Bücher, mittlerweile an die 40 Titel mit oft eigenwilligen Titeln wie „Die Stunde des Todes“ (1974), „Revolten“ (1982), „Es ist niemand da“ (1992), „Das Buch Arschi“ (1994), Ich bin ein Schaf (1996) oder „Der letzte Schliff“(1996).

Nachdem Achternbusch in den Jahren zuvor immer wieder etliche seiner Bilder und Skulpturen zerstört hatte, wandte er sich 1984 erneut der Malerei zu. So entstand die Aquarell-Serie „Die Föhnforscher“, der in rascher Folge weitere Bilder-Serien mit oft provokativen Titeln folgten, so der Zyklus „Aus der Tiefe meiner Scheiße erhebe ich mich“ (1983) oder die Aquarellserie „arsch mit ohren“ (1986). Viele Bilder malte er auf bedruckte Zeitungsseiten. In den mit Photos und übermalten Collagen versehenen Prosabänden „Wind“ (1984),„Breitenbach“ (1986) und „Die blaue Blume“ (1987) verband er das Malen mit dem Schreiben. Zahlreiche Ausstellungen präsentierten jetzt auch einen eigenwilligen bildenden Künstler. Dennoch, stets waren  und sind ihm seine Filme wichtiger als seine Bücher, mit denen er sich lediglich zu den Filmen durchschrieb. Und die Bilder malte er nach eigenen Angaben letztlich nur deshalb, um mit deren Verkaufserlös neue Filme finanzieren zu können. Sein Engagement für den Film trug ihm schließlich sogar den Titel „Bayerns einziger Hollywood-Regisseur“ ein.

Achternbuschs naiv-anarchische Prosa wurde lange Zeit kaum wahrgenommen und seine meist floppenden Filme werden noch heute so gut wie nie in großen Kinos gezeigt. In der deutschen Literatur der Nachkriegszeit stellt er einen Grenzfall dar, der sich allen ästhetischen Perfektionszwängen entzieht und radikal mit der bürgerlichen Kulturtradition bricht. Mit Paul Wühr scheint er sich in der Ansicht einig zu sein: „Es dreht sich darum, die ursprüngliche Unordnung wieder herzustellen.“ Seine Filme und Theaterstücke provozieren mit anarchistischem Ulk „lustvoll den guten Geschmack“ wie es einmal hieß. Dutzende seiner Bonmots und aphoristischen Äußerungen sind mittlerweile zu geflügelten Worten geworden, so etwa:   „Was wirfst du deinem Bruder die CSU vor und bist selber bei der SPD.“ – „So unvermeidbar ist zuweilen die Lächerlichkeit, um den Ernst zu wahren.“ – „ In Bayern sind 60 Prozent der Bevölkerung Anarchisten und die wählen alle  die CSU.“

Von Anfang an schieden sich die Geister an Achternbusch. Zählten ihn die einen Kritiker neben Lena Christ, der Fleißer, Valentin, O.M. Graf und Paul Wühr zu den großen bayerischen Schriftstellern des 20. Jahrhunderts, konterten andere: „Das Ganze ist ein aufgeblähtes Nichts. Unbegreiflich, dass ein Verlag wie Suhrkamp darauf hereinfallen konnte … Unverfrorener hat sich wohl selten ein Pfuscher zum Schriftsteller aufgeworfen.“ „Wenn das schon Dummköpfe sind“, konterte Achternbusch, „denen meine Bücher gefallen, was müssen das erst für Dummköpfe sein, denen sie nicht gefallen.“ Gilt Achternbusch den einen als „Gesamtkunstwerk“,  nennen die anderen seine Werke „potenzierten Schwachsinn“ und manche seiner Filme „schlicht und ergreifend eine Sauerei“. „Wenn sie mich nicht mögen“, zitierte der so Beschimpfte Picasso, „dann sollen sie mich wenigstens hassen.“ Und noch eines gestand er: „Zu den deutschen Geistesgrößen wird man mich nicht zählen, aber auch nicht zu den bayerischen Arschlöchern.“

Turmschreiber Alfons Schweiggert hatte Herbert Achternbusch persönlich kennen gelernt.

Gleichwohl, sein unermüdliches Schaffen in den Bereichen Literatur, Theater, Film und Bildende Kunst ließ einen eigenwilligen Kosmos entstehen, der zeigt, dass für seinen Schöpfer Leben und Kunst eins geworden sind. Geschickt benutzte er die Kunst als Waffe, kämpfte mit Stumpfsinn gegen Borniertheit, mit Kalauern gegen Verdummung, mit uninterpretierbaren Filmen gegen visuelle Konsumgewohnheiten. „Das Wort Kunst kommt nicht von Können, sondern von Kontern“, notierte Achternbusch einmal und bekannte sich damit zu dem urbayerischen Rebellionsgeist, der all seinen künstlerischen Äußerungen innewohnt. Gefordert ist vom  Bürger, der sich auf sein Werk einlässt, der Mut zur Ratlosigkeit. „Die Leser und Zuschauer sollen den Eindruck haben“, so Achternbusch, „dass sie, was ich mache, genau so gut machen könnten, und wenn sie es dann versuchen, merken sie bald, dass sie sich dazu ändern müssen.“„Ich bin ja nicht dazu da“, konstatierte er weiter, „richtige Sachen zu machen.“ Außerdem wage er sich nicht an große Dinge, da er dazu zu wenig Stümper sei.

Im Grunde habe er immer nur an einem einzigen Buch geschrieben, erklärte Achternbusch einmal, wobei er darauf hinwies, dass er in 20 Jahren das 3000seitige Buch mit dem Titel „Es gibt keine Chance, aber nutze sie“ verfasst habe, dem die Inhalte aller seiner bisher erschienenen Bücher entnommen seien. Diese Aussage lässt sich erweitern, denn genau genommen hat er auch nur ein einziges Theaterstück geschaffen, einen einzigen Film gedreht und an einem einzigen Bild gemalt. Oder noch enger gefasst, bei genauerem Hinsehen sind alle seine Werke ein einziges Monumental-Œvre, dessen Mittelpunkt kein anderer ist, als er selbst. Ununterbrochen nimmt er sein Leben beim Wort. „Er selbst“ schrieb Jörg Drews, „ist ganz radikal Kraftzentrum und Ausgangspunkt, Erkenntnisgegenstand und Erkenntnisinstrument seines Werks.“

Obwohl er Auszeichnungen meist mit Argwohn begegnete, nahm Achternbusch doch einige Preise entgegen, so 1975 die Ludwig-Thoma-Medaille der Stadt München und 1989 den Tukan-Preis. 1982 wurde er mit dem Spezialpreis des Filmfestivals von Locarno und mit dem Bundesfilmpreis ausgezeichnet. Den ihm 1977 verliehenen Petrarca-Preis gab er jedoch nach einem Eklat bei der Preisverleihung unter Protest gegen die Umarmung durch eine „gefräßige Kulturindustrie“ zurück. Der Hauptgrund war jedoch seine Verärgerung über zwei nicht funktionierende Filmprojektoren, so dass seine Filme nicht gezeigt werden konnten. Er ver-brannte deshalb den Scheck mit der Preissumme von 20 000 Mark. 1999 wurde „dem zu allen Moden und Zeitgeisterscheinungen in Opposition stehenden“ Allroundkünstler, „der immer wieder den heftigen Widerstand öffentlicher Kontrollinstanzen bis hin zu juristischen Auseinandersetzungen provozierte“ der Ernst-Hoferichter-Preis verliehen.

„In Herbert Achternbusch muss man eintreten wie in einen Verein“, schrieb die Journalistin Beate Kayser. „Man muss ihn mit Haut und Haaren mögen, dann folgt man ihm bedingungslos noch auf seinen krausesten Fährten. Wer rational herangeht an dieses lebende Kunstpaket, das mal schreibt, spielt, inszeniert und Filme macht, wer Fragen stellt nach dem Warum und Wozu, der ist schon verloren.“ „In Bayern mag ich nicht einmal gestorben sein“, schrieb Achternbusch 1977. Jetzt ist er doch in Bayern doch gestorben, nachdem er sich angeblich schon vor zehn Jahren in seinem Domizil in der Münchner Burgstraße zum Sterben hingelegt hatte.

 Alfons Schweiggert