Zum Tod von Margret Hölle

Erich Jooß (1946-2017), war ein Freund der Turmschreiberin Margret Hölle und ein Kenner ihres Werks. Sein interessanter Beitrag über diese bemerkenswerte Autorin, der 2004 in dem Buch „Alfons Schweiggert / Hannes Macher (Hg): „Autoren und Autorinnen in Bayern, 20.Jahrhundert“ erschienen ist, soll deshalb zum Tod Margret Hölles als Nachruf auf sie veröffentlicht werden. Margret Hölle ist am 16. Oktober 2023 in München verstorben.

Margret Hölle, 1927 in Neumarkt geboren, hat sich mitten im Boom der Mundartdichtung ein eigenständiges Profil bewahrt. Während bei vielen Autoren die Poesie zum schlechten Handwerk verkam, hielt sie sich abseits vom Bavarica-Markt. Erst spät und nur sehr zögernd stellte sich der Erfolg bei ihr ein. Dabei erlag die Oberpfälzerin nie den Versuchungen der Heimattümelei. Ihre widerborstige Sprache vertrug sich nicht mit jener bayrischen Instant-Lyrik, die nur gefallen und beruhigen will. Außerdem hätte der eigene Lebensweg dagegen gesprochen. Die Oberpfälzerin wuchs in einfachen, strengen Verhältnissen auf: mit einem Vater, der sein Brot als „Kürbenzäuner“, später als Fuhrmann verdiente, und mit einer Mutter, von der sie die Sprache der Kindheit lernte, die lautmalerischen, nur scheinbar schwerfälligen Diphthonge und vor allem die archaischen Bilder, die ungleich weiter als das Gedächtnis der Menschen zurückreichen. Margret Sträußl, so hieß sie damals noch, verließ schon bald nach dem Krieg ihre Heimat. Das Lehrmädchen in einem Lebensmittelgeschäft hatte heimlich privaten Schauspielunterricht genommen; in der schwierigsten Notzeit schloss sie sich dann einer Wanderbühne an und landete nach diesem Umweg, der eigentlich keiner war, bei der „Deutschen Schauspielschule“ in München.

Als der Oberpfälzerin im Jahr 1956 „das erste Mundartgedicht geradezu passiert“ – wir könnten auch sagen: zugestoßen – ist, hatte sie längst Abschied genommen von der Schauspielerei. Der Ver­zicht auf das Theater war eine bewusst vollzogene Entscheidung gewesen. Margret Sträußl heiratete den Graphiker und Buchillustrator Erich Hölle, wurde Mutter zweier Kinder und richtete sich in der Familie ein, der fortan ihre Sorge galt. Die künstlerische Tätigkeit rückte nun in den Hintergrund, jedenfalls bis zu jenem ersten Gedicht. Im Oberbayerischen, wo sie bis zu ihrem Tod lebte, erfuhr Margret Hölle auf schmerzhafte Weise die Verhunzung der Mundart. Das weckte in ihr den Protest und gleichzeitig die Rückbesinnung. Ganz bewusst stieg sie nun hinunter in die Labyrinthe ihrer Kindheit, vergewisserte sich der abhanden gekommenen Wörter, wurde gleichsam zur Archäologin einer verlorenen Sprache, die sie Zeile für Zeile, Gedicht für Gedicht wieder ausgrub. Nicht zufällig zollte sie dem oberpfälzischen Landsmann Johann Andreas Schmeller mit dem Gedicht „Gloalaud“ ihre Bewunderung. Auch Margret Hölle wollte –  wie Schmeller – eine bedrohte Sprache retten. Trotzdem klingt diese Sprache bei ihr nirgends museal, sondern antwortet dem zeitgenössischen Bewusstsein. Das war die eigentliche Leistung der Oberpfälzer Lyrikerin.

Karikatur von Franz Eder

„Man kann nicht alles haben“ – diesen Satz hat Margret Hölle bei einem literarischen Waldspaziergang mit Joseph Berlinger als Grundeinsicht ihres Lebens formuliert. Die Resignation, die in solchen Aussagen spürbar wurde, stand in einem merkwürdigen Kontrast zu dem literarischen Befreiungsweg, den die Dichterin einschlug. Sie passte auch nicht zu ihren leisen, aber beharrlich fragenden Gedichten. Mit ihnen wehrte sich Margret Hölle gegen den endgültigen Verlust der heimatlichen Welt, die im weißblauen Einerlei unterzugehen drohte. Natürlich wusste sie, dass ihre Lyrik regional gebunden war und außerhalb der Oberpfalz ein konzentriertes Zuhören, oft sogar Verständnishilfen erforderte. Vielleicht wurde die Autorin deshalb zur besten Interpretin der eigenen Werke. Wenn sie ihre Gedichte im Bayerischen Rundfunk und auf Tonträgern vorlas, erwachte der Lautkörper der Verse erst richtig zum Leben. Dabei wurde deutlich, wie sehr jede ursprüngliche Mundart-Lyrik, die im Druckbild nur eine Schattenexistenz führt, auf die akustische Realisierung angewiesen ist. Bei Margret Hölle kam freilich noch etwas anderes hinzu: Durch ihre Art des Vortrages machte sie die Leidenschaft hörbar, die sich sonst in den lakonisch wirkenden Gedichten versteckt hätte. Das gesprochene Wort wandte sich dann gegen das geschriebene und stritt mit ihm.

Margret Hölle war eine erinnerungssüchtige Lyrikerin. Immer wieder entriss sie dem großen Gleichmacher Tod das schon hinübergestorbene Leben. Nichts ist vorbei und nichts vertan! Das galt be­reits für ihr erstes Lyrik-Bändchen, das 1976 unter dem Titel „A weng wos is aa vüi“ im Mainburger Pinsker-Verlag erschien. Dieser simple Spruch entpuppte sich bei Margret Hölle als eine oberpfälzische Lebensphilosophie – als ein Lebensprogramm. Die Gedichte des Bändchens greifen alte Kinderlieder und Kinderreime auf, sie beschreiben das schmerzhafte Erwachsen-Werden und die Armut und Schönheit eines gefährdeten Landes. Der zweite Lyrik-Band von Margret Hölle, kaum mehr als ein Heftchen, kam dann 1981 beim Friedl-Brehm-Verlag heraus und trug den Titel „Iwa Jauha und Dooch“. Danach dauerte es zehn Jahre, bis der Sammelband „Wurzelherz“ im Buchverlag der Mittelbayerischen Zeitung den größten Teil der bis dahin entstandenen Gedichte von Margret Hölle vereinigte. Neben diese Mundart-Bücher trat dann 1988 ein Band mit Lyrik in der Hochsprache. Wie der Titel „unterwegs“ bereits vermuten lässt, sind in diesem Selbstdruck vor allem Reisegedichte enthalten, aber auch der „Oberpfälzer Psalm“ – eine wortmächtige Beschwörung des „Erdäpfel-Nebellandes“, von dem Margret Hölle nie losgekommen ist und wohl auch nie loskommen wollte.

Ebenso wie die Reisegedichte enthält auch der Band „Wurzelherz“ ein paar leicht anmutende, wie flüchtig hingeworfene Federzeichnungen. Sie gehören zum Besten, was der Illustrator Erich Hölle geschaffen hat und überzeugen vor allem dort, wo sie Landschaften so stark vereinfachen, dass sie beinahe abstrakt anmuten. Margret Hölle ist diesen Weg der Reduktion nicht in gleicher Weise mitgegangen. Ihre während der letzten Jahre entstandenen Gedichte waren immer noch voller Musikalität und lebten von der Genauigkeit und der Fülle der Natur- und Menschenbeobachtungen. Aus manchen dieser Naturgedichte kann man die Nähe Margret Hölles zu dem bewunderten Georg Britting herauslesen. Die Oberpfälzerin hat nie verschwiegen, bei wem sie in die poetische Lehre gegangen ist. Auch jüdische Dichterinnen wie Rose Ausländer gehörten zu ihren Vorbildern, von denen sie viel gelernt hat, ohne dass sie je zur Epigonin geworden wäre. Jedes Mundart-Gedicht, das künstlerisch bestehen will, muss sich einen Vergleich mit den besten Beispielen zeitgenössischer Lyrik gefallen lassen. Nichts schadet der Mundartliteratur so sehr wie die literarische Abkoppelung, denn dadurch wird sie provinziell!

1996 erhielt Margret Hölle für ihr lyrisches Werk den Friedrich-Baur-Preis der Bayerischen Akademie der Schönen Künste und 2003 den Poetentaler der Münchner Turmschreiber. Die Auszeichnungen wurden einer Autorin verliehen, die mit ihren Altersgedichten neue, härtere Töne anschlug und bei der Wahl der Bilder strenger, radikaler verfuhr. Den Tod des Ehemannes erfuhr sie als einen langen, kräftezehrenden Karfreitag. Das zerbrochene Leben machte eine andere Form notwendig, die nur aus der Trauer erwachsen konnte. Margret Hölle ließ in diesen Gedichten den Schmerz zu. Vielleicht gelangen ihr deshalb in den Bänden „Blöiht a Dornbusch (1997) und „Distelsamen“ (1999), jeweils erschienen in der Viechtacher edition lichtung, neben den dunklen Bildern auch tröstende, fast österlich anmutende. Die bayrische Literatur hat nicht viele Dichterinnen vom Range einer Margret Hölle, die in den letzten Lebensjahren leider verstummte. Am 16. Oktober 2023 ist sie im Alter von 96 Jahren verstorben.

Die Turmschreiber*innen werden Margret Hölle ein ehrendes Andenken bewahren. Sie hat sich mit Ihrem literarischen Werk um die bayerische Literatur und um die Autorenvereinigung Turmschreiber*innen große Verdienste erworben.

Erich Jooß im Namen

aller Turmschreiberinnen und Turmschreiber


Entdecke mehr von Willkommen bei den Münchner Turmschreibern

Melde dich für ein Abonnement an, um die neuesten Beiträge per E-Mail zu erhalten.