Zum Tod des Dachauer Lyrikers Michael Groißmeier (21.Februar 1935 – 28. Juli 2026) von Dr. Norbert Göttler, Bezirksheimatpfleger von Oberbayern a.D.
„Ich glaube, dass die Prosa einen Ort braucht und auch, erschrecken Sie nicht, einen Boden. Für Kafka war dieser Boden Prag. Und für mich ist dieser Boden natürlicherweise die Stadt, die ich am besten kenne – Köln.“[1]
Horst Bienek, dem diese Worte Heinrich Bölls galten, mag genickt haben, sind doch viele seiner eigenen Werke eng verknüpft mit dem Schicksal einer bestimmten Lebenswelt, nämlich der schlesischen. Nun wird man weder Böll noch Bienek als Vertreter eines neuen Regionalismus in der Literatur bezeichnen können, obwohl sie sich, ähnlich wie Fontane oder Proust, immer wieder von bestimmten, genau abgrenzbaren Lebensräumen inspirieren ließen. Es ist aber unübersehbar, dass nach einer Phase der Literaturgeschichte, in der allein der in verschiedenen Kulturen beheimatete, weltbürgerliche Autor in der Lage schien, die Seelenzustände des modernen Menschen adäquat zu beschreiben, heute wieder das Thema der Verwurzelung und der „Bodenhaftung“ zu seinem Recht findet.

Karikatur von Franz Eder
Ein Autor, der heimatliche Verwurzelung und geistiges Weltbürgertum in besonderer Weise zu vereinen vermochte, war der Dachauer Michael Groißmeier. Seinen literarischen Namen verdankte er einem langjährigen lyrischen Wirken, das ihn vor allem im Bereich des Haiku und des Tanka zu einem Meister seines Fachs werden ließ. Groißmeiers Literatur erfuhr zahlreiche Auszeichnungen, vom Bundesverdienstkreuz und dem Bayerischen Poetentaler der Münchner Turmschreiber, dessen Mitglied Groißmeier war, bis hin zur Einladung in die römische „Accademia Tedesca Villa Massimo“. In regem Austausch stand Groißmeier mit Lyrikern wie Heinz Piontek, Eberhard Horst, Walter Helmut Fritz und Albert von Schirnding.
Auch in seiner Prosa hat Groißmeier starke Akzente gesetzt. Ob in seiner Autobiographie „Der Zögling“ (1991), die seine Erfahrungen im erzbischöflichen Knabenseminar auf dem Freisinger Domberg reflektiert, oder etwa auch im Erzählband „Alle Leidenden Freude“ – immer wieder erweist sich der Autor als profunder Kenner von Sprache und Mentalität seiner Umwelt. Obwohl der Landschaft um Amper und Glonn emotional zutiefst verbunden, war Groißmeier weit davon entfernt, sich in altbekannten Klischees zu ergehen. Eine „gute, alte Zeit“ gab es bei ihm nicht. Groißmeier verschonte niemanden. In vielen seiner bissig-sarkastischen Geschichten erschien der autobiographische Bezug, und der Leser ahnte, wie stark das Leben des Autors in die nur scheinbar beliebig ausgewählten Erzählstoffe verwoben war. Wie schon Oskar Maria Graf, so arbeitete auch Michael Groißmeier beständig an der literarischen Bewältigung seiner eigenen, sensibel und damit leidvoll erfahrenen, bäuerlich-bürgerlichen Erlebniswelt und ihrer Vergänglichkeit. Diese Authentizität bewahrte ihn vor klischeeartiger Verklärung und machte seine Prosa auch in ihrer satirischen Überspitzung glaubwürdig. Dass sich Großmeier in seinem Werk auch immer wieder Fragen der Dachauer Zeitgeschichte gestellt hat, ehrt ihn besonders. Wenn nach Böll jede gute Prosa ihren Boden braucht, so hat Groißmeier diesen längst gefunden. Vielleicht war es in diesem Fall auch umgekehrt – Ort und Zeit haben sich einen Biographen gesucht – und gefunden.
Auch die Zeit nach seiner Pensionierung – Großmeier war zuletzt Leiter der Sozialbehörde am Landratsamt Dachau gewesen – nutzte er zur intensiven literarischen Produktion. Jahr für Jahr veröffentlichte er seine Werke, insgesamt fast fünfzig an der Zahl. Groißmeiers letzter Band entstand noch wenige Monate vor seinem Tod. Er trägt den Titel „Die Leichtigkeit des Schreibens“ und schlägt damit den Grundton eines langen, literarischen Lebens an.
[1] Horst Bienek: Werkstattgespräche mit Schriftstellern. München 1976, S.45
Entdecke mehr von Willkommen bei den Münchner Turmschreibern
Melde dich für ein Abonnement an, um die neuesten Beiträge per E-Mail zu erhalten.
Du muss angemeldet sein, um einen Kommentar zu veröffentlichen.